»Die langen Eckzähne sind frisch poliert, der Sarg auf dem Autodach
festgezurrt:
ist reisefertig.« (Saarbrücker Zeitung, 3.9.1996)
Mit unserem Theaterstück
»Carmilla« – geschrieben und inszeniert von Ulrike und Friedhelm
Schneidewind nach der gleichnamigen Erzählung von Sheridan LeFanu – waren
wir vom 6. bis zum 28. September 1996 in Rumänien auf Gastspielreise. Das
»Demokratische Forum der Deutschen« in Sibiu (Hermannstadt) hatte
uns eingeladen, ein Stück deutscher Kultur zu zeigen, das über die
üblichen westlichen Fernseh- und Kino-Importe hinausgeht. Es war gewissermaßen
eine Rückkehr zu den Wurzeln, denn das Schauspiel haben wir in Rumänien
geschrieben – auf einer »Reise auf den Spuren der Pfähle und Zähne«
im Herbst 1993 u. a. durch Transsilvanien (Siebenbürgen) an Orten, die
von Bedeutung waren entweder für die Romanfiguren Dracula und Jonathan
Harker, wie Bistritz oder der Borgo-Paß, oder den »Namensgeber«
des berühmtesten alles Vampire, Vlad
Tepes (Draculea), wie Hermannstadt, Schäßburg, Klausenburg,
Tirgoviste oder Burg Bran (Törzburg, Foto)
Wir reisten – mit dem Sarg auf dem Autodach – über Tabor (Tschechien)
und Gyula (Ungarn) nach Sibiu (Hermannstadt), wo wir Standquartier bezogen. (Wer
mehr zu den Verhältnissen in Rumänien wissen möchte, klicke
hier!)
Wir spielten Carmilla insgesamt sechsmal:
- im Saal des Forums in Cluj Napoca (Klausenburg) am Freitag, den
13.9.1996, vor gut 30 Leuten – für Forumsveranstaltungen ein guter Besuch;
- im deutschen Staatstheater in Timisoara (Temeswar) am 18.9. vor
leider nur knapp 20 Zuschauer/innen. Dort gab es Ärger zwischen den zwei
deutschen Foren und dem Theater und außerdem am gleichen Tag eine Galaveranstaltung
zur 50-Jahr-Feier der Oper – und das deutsche Staatstheater hat in der
Regel auch nicht mehr Publikum, es sei denn bei Premieren oder wenn sie eine
Dorfbevölkerung per Bus herankarren ...
Dabei ist Temeswar eine reiche Stadt (auch Sitz der Privatbank von Ion Tiriac),
und den Banater Schwaben, die hier seit etwa 200 Jahren leben, geht es im
Vergleich zu den Siebenbürger Sachsen ziemlich gut, sie erhalten auch
viel Unterstützung aus Deutschland. Es war übrigens die einzige
Stadt, in der es bei den Umstürzen in Osteuropa blutige Unruhen gab!
- im Studio-Saal des Staatstheaters von Arad am 19.9. vor über
70 Leuten, hauptsächlich Schülerinnen und Schülern des deutschen
Lyzeums; dies war eine wunderschöne Veranstaltung in einem tollen Theater,
die vom regionalen Privat-Fernsehen teilweise aufgenommen wurde; am 1.10.
gab es dazu einen 20minütigen TV-Bericht inkl. Interview.
- in Sibiu (Hermannstadt) zunächst am 23.9. im PÄDA,
dem Pädagogischen Lyzeum, einer Schule, die neben dem Abitur die Ausbildung
zur/zum Grundschullehrer/in bietet; fast 100 begeisterte Schüler/innen
hatten viel Spaß, und vor der Aufführung, die vom 2. staatlichen
Fernsehen mitgeschnitten wurde, gab es noch ein TV-Interview, beides wurde
landesweit ausgestrahlt in der »deutschen Stunde« am 3. Oktober
(Tag der Deuschen Einheit!). Einziger Wermutstropfen: Mario La Greca, Darsteller
des Oberst und des Gauklers, zog sich an diesem Abend einen Leistenbruch zu,
spielte aber humpelnd weiter.
- am 24.9. in den Saal des Forums kamen leider nur ca. 25 Leute; die
Polemik des Stadtpfarrers, der das Stück wegen der »drohenden Verderbnis«
der Jugend am liebsten verboten gesehen hätte, mit uns eine etwa einstündige
Diskussion darüber führte und von der Kanzel gegen »junge
Leute« wetterte, die »den Tod verharmlosen, indem sie mit einem
Sarg auf dem Autodach herumfahren«, hatte nach Ansicht der Forumsleitung
gewirkt:
»Das Stück ›Carmilla‹ erregte Unmut in den kirchlichen
Kreisen Hermannstadts und war sogar das Thema der Predigt in der evangelischen
Stadtkirche. Ob wohl deswegen so wenige Zuschauer im Forumssaal am Dienstag
dabei waren?« (Hermannstädter Zeitung, 27.09.1996)
Helga Schneidewind, die in dem Stück die Haushälterin Madame de
Lafontaine spielt, amüsierte das mit den »jungen Leuten«
schon, über die Borniertheit des Pfarrers zeigte sie sich, als ehemalige
Pfarrfrau und Religionslehrerin, allerdings eher verärgert – und
die Offiziellen des Forums reagierten sehr erstaunt.
Die wenigen Besucher/innen erlebten ein Premiere: Beatrice Ungar von der Hermannstädter
Zeitung, die als Kulturbeauftragte des Forums für die Betreuung der Truppe
zuständig war, sprang ein für Mario La Greca, dem der Arzt das Spielen
verboten hatte, und bot mit angemaltem Schnurrbart und Textbuch einen fulminanten
Oberst (die Rolle des Gauklers übernahm Friedhelm Schneidewind).
- am 25.9. waren gut 220 Schülerinnen und Schüler des Brukenthal-Lyzeums – der ältesten deutschsprachigen Schule der Welt! – von dem Stück
begeistert und amüsierten sich königlich über Beatrice Ungar,
die die meisten kannten, als ehemalige Schülerin und Lehrerin dieser
Schule. Die Aula, in der mit Carstens und Herzog schon zwei Bundespräsidenten
sprachen, ist zwar für das Theaterspielen nur sehr bedingt geeignet –
so war Franz S. als moderner Arzt auf dem jahrhundertealten Holzgerüst,
das sonst als Rednertribüne dient, eigentlich fehl am Platz und zudem
immer hautnah von Schüler/innen umlagert – aber das tat dem Spaß
keinen Abbruch. Die Schmuseszenen zwischen Carmilla und Laura erzeugten wahre
Beifallsstürme. Es war ein toller Abschluß für eine interessante
Tournee.
Von der Reise brachten wir Videomaterial von fast 11 Stunden mit: ca. 8
Stunden Carmilla-Aufführungen sowie etwa 3 Stunden Material über
Land und Leute, so über das 6. Sachsentreffen in Birthälm mit
vielen Folkloretänzen oder über eine Reise von Klausenburg über
den Borgopaß, die Bicazklamm und den Mördersee (Foto) nach Schäßburg
(Sighisoara), der Geburtsstadt von Vlad
Tepes. Und natürlich nutzten wir auch die Gelegenheit, in entsprechendem
Ambiente Aufnahmen zu machen, wie etwa – auf den Bildern in der Mitte und
rechts zu sehen – in der uralten Kapelle in Michelsberg.
Videos zum Stück
und die Video-Dokumentation der Tournee sind erhältlich im Buchhandel
und bei
Verlag
der Villa Fledermaus
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